Freitag, 23. November 2007

Pornografie ist ja längst Kultur


Abgefilmter und fotografierter Sex ist mittlerweile allgegenwärtig und gesellschaftsfähig. In Berlin diskutierten Fachleute über "Postpornpolitics" und erkunden die Tiefen des Körpers.



Annie Sprinkle war schon immer da. Zumindest für den heute unter 50-jährigen. Sie trat als sexgieriges Mädchen auf in Filmen wie „Wild Pussycats“ und „Satan Was a Lady“, über die sich nun Familien amüsieren oder ehrenwerte Sammler freuen. Später lud sie Männergruppen zur Performance, um ihnen mit Spekulum und Taschenlampe einen tiefen Einblick in sich zu gewähren. Annie Sprinkle sprach dazu von „tantrischer Entmystifizierung des weiblichen Körpers“. Und sie nannte sich schon „Post-Porn-Modernistin“, als der Porno noch in Videokabinen und dubiosen Kinos hauste.
Am vergangenen Sonnabend hockte Annie Sprinkle 51-jährig in Frank Castorfs Volksbühne. Vergnügt erläuterte sie den begeisterten Besuchern des Symposiums „Postpornpolitics“, bevorzugt kultivierten Szenegängern jeglichen Geschlechts, das Innere ihrer Genitalien. „Ist das Kunst?“ erkundigte sich der Berliner Boulevard. Wie immer, wenn auf der Theaterbühne besserer Sex versprochen wird als auf den eigenen Titelseiten.
Porno wird überall begrüßt
Nie zuvor war es so schwierig, Pornografisches zu übersehen, heimlich zu studieren oder anzuprangern. Im Theater wird getagt über eine willkommene Pornoflut, bemerkenswerter Weise ausgelöst von Feministinnen und Gender-Aktivisten. In Berlin finden ein fünftägiges, stadtweit plakatiertes Festival des Pornofilms und eine Fotoausstellung zum Thema statt. Ab morgen fügt John Cameron Mitchell den sich häufenden expliziten Arthaus-Filmen seinen „Shortbus“, die Verfilmung trübsinniger Sexorgien im Terrorzeitalter, hinzu. Kulturfernere Schichten lädt die Venus-Messe nebenan.
Es wird sehr viel geredet und noch mehr geschrieben über eine Pornografisierung der Kultur. Dann werden noch einmal die alten Fotos von Jeff Koons gezeigt, die jüngeren von Terry Richardson oder Natacha Merritts „Digital Diaries“, die Gucci- oder Calvin-Klein-Kampagnen, Videos von Rockstars, die mit Pornostars im Whirlpool sitzen. Aber darum geht es weniger. Es geht nur noch am Rande darum, Pornografisches dem Bildungsbürger zu erlauben, indem Künstler damit teure Coffeetable-Bände füllen. Oder anerkannte Regisseure Filme drehen wie „9 Songs“, wo Michael Winterbottom echten Sex statt Porno-Choreografien spielen ließ und zwischendurch Konzerte angesagter Popbands filmte. Es geht kaum um Salman Rushdies im Kulturkampf mittlerweile abgedroschene Parole „Pornos für die Freiheit“. Das sind nur die Folgen, wenn die Popkultur die Dinge längst von unten umgewertet und sich angeeignet hat.
Man muss der Zwölfjährigen, die beim googeln nach der Lieblingssängerin auf Pornoseiten stößt, nichts mehr mit rotem Kopf erklären über wesentliche Unterschiede zwischen Liebe, Sex und Porno. Das gehört zur Medienkompetenz. Das Medium Internet verdankt selbst seinen widerlichsten Pornoseiten einiges. Der Porno zog vom Bahnhofskino in die Heimcomputer, aus der Schmuddelindustrie wurde ein Unterhaltungsgenre.
Dafür spricht nicht der behauptete Tabubruch schnurrbärtiger Fotokünstler, sondern die Umarmung einer schamlos funktionalen Kunstform an den kreativen Rändern der Kultur.
Philosophie des Dildos
Dort dauerte es 20 Jahre, um von der Kampagne „PorNO“, mit der Feministinnen gegen die dargestellten Fantasien protestierten, auf die Losung „Post Porn“ und hinter den wahren Reiz des Pornofilms zu kommen. Selbstverständlich wurde in der Volksbühne auch hitzig diskutiert über Foucaults Bekenntnistrieb. Aber auch über die „Philosophie des Dildos“. Und was Popkünstler wie die zwei Katalaninnen Girlswholikeporno in den Videos ihrer Weblogs treiben lassen, hat mehr mit der Filmpraxis im San Fernando Valley als mit einem Gender-Seminar der Uni Göttingen zu tun. Der Amerikaner Eon McKai wendet sich mit Filmen wie „Skater Girl Fever“ nicht an einsame Geschäftsreisende. Die Filme sind mit sexsüchtigen Angehörigen diverser Pop- und Subkulturen bevölkert. Eon McKai hat sich nach Ian MacKaye benannt, dem Sänger der in jeder Hinsicht politisch korrekten Rockband Fugazi. Auch die „Taz“ schloss jetzt im Magazin zum Wochenende ihren Frieden mit dem Porno. Statt die Mikrophysik der Macht zu geißeln, lieferte die Zeitung eine umfangreiche Anleitung für jeden zum Genuss des Pornofilms.
Wie Julia Roberts, nur mehr
Natürlich spielen dabei Mechanismen eine Rolle, die den Pop seit jeher vorwärts treiben. Der antibürgerliche Reflex: Es hat der Akzeptanz des Pornos sicher nicht geschadet, dass verstärkt vom Neuen Bürgertum gefaselt wird und von der Unterschicht. Waren Erotika bevor es Massenmedien gab, ein eher aristokratisches Vergnügen, haftet dem Milliardensexgeschäft der interessante Ruch des Trashs an. Jenna Jameson schilderte in ihrem autobiografisch angelegten Buch-Bestseller „Pornostar“ das Unterschichtmilieu aus tätowierten Bikern, Drogen, losen Sitten. Ihren Lesern schrieb sie schließlich ins Gewissen, dass ihrem geliebten Brotberuf im bürgerlichen Rückblick eine proletarische Romantik innewohne. Und: „Ich bin so etwas wie Julia Roberts, nur gehe ich ein kleines bisschen weiter.“ Zum Spiel von Subversion und Distinktion gehört der Sturm auf ein erklärt bigottes Bürgertum und auf Beate Uhses „unzensierte Vollerotik“.
Keine Form geht dabei weiter als der Gonzo-Porno. Hier werden die Grenzen ausgereizt, was Frauen sexuell ertragen können. In der Regel exhibitionistisch um Berühmtheit ringende Laien. Gut sortierte Videotheken lassen ahnen, dass sich diese Filme keineswegs an den Perversen wenden, sondern an ein Publikum. Hier wird nicht mehr der Körper vorgeführt, hier wird die Seele offenbart. Das wäre dann sogar im bürgerlichen Sinn tatsächlich Kunst wie Norman Mailer 1972 angesichts des Films „Deep Throat“ vom Porno forderte. Aus Sicht des antineoliberalen Aktivisten zeigt der Gonzo-Porno wie das eigentliche Innere, nicht mehr das Kapital des Körpers ausgebeutet wird.
Dagegen wirkt die Mutter des Post-Porn-Zeitalters, Annie Sprinkle, wie die einfühlsame Tante von der Volksaufklärung.

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